Ist eine private Pflegeversicherung sinnvoll?

Wenn Angehörige zum Pflegefall werden, beschäftigen sich viele unweigerlich mit dem Thema Pflegeversicherung, leider viel zu spät. Oft wird auch vergessen, dass auch jüngere Menschen nach einem Unfall im schlimmsten Fall pflegebedürftig werden können. Wer, weil eine verantwortungsvolle Pflege durch Angehörige, eine Betreuungskraft und ambulante Pflegedienste nicht mehr möglich ist, auf einen Heimplatz angewiesen ist, sieht sich meist mit unerwartetet hohen Kosten konfrontiert.

Ein Heimplatz in Deutschland schlägt je nach Träger mit unterschiedlichen Kosten zu Buche, doch 3500-4000€ sind ab Pflegegrad 4 (entspricht in etwa der früheren Pflegestufe 3) zu erwarten. Einen Teil der Kosten trägt hierbei die gesetzliche Pflegeversicherung, wie bei der gesetzlichen Rente klafft aber auch hier eine Lücke, die privat gefüllt werden will. Konkret beziffern sich die Zuschüsse aus der gesetzlichen Pflegeversicherung auf:

Pflegegrad 1: 125€
Pflegegrad 2: 770€
Pflegegrad 3: 1.262€
Pflegegrad 4: 1.775€
Pflegegrad 5: 2.005€

Über den Daumen kalkuliert decken die staatlichen/gesetzlichen Leistungen die Hälfte der zu erwartenden Kosten ab, die anderen 50% müssen über eigene Einkünfte, eigenes Vermögen oder Einkünfte und Vermögen des Ehepartners abgedeckt werden. Falls das nicht ausreicht, müssen je nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, wie es im Fachjargon heißt, die leiblichen Kinder für die anfallenden Summen aufkommen. In diesem Fall ist selbst das Eigenheim der Kinder nicht gänzlich vor dem Zugriff des Sozialamts sicher, soweit es per Definition mehr als “angemessen” ist. Natürlich gibt es einen Familienselbstbehalt, niemand wird weil er für Pflegekosten der Eltern aufkommen muß zum Sozialfall, für Bezieher geringer Einkommen entfällt die Unterhaltspflicht oft komplett.

Dennoch haben immer noch viele Deutsche keine private Pflegeversicherung, die ein erhebliches finanzielles Risiko auffängt und weit wichtiger wäre als verzichtbare Versicherungen wie Glasbruchversicherung, Rechtschutz oder die Handyversicherung, die Risiken in sehr überschaubaren finanziellen Dimensionen für vergleichsweise teures Geld  abdecken. Die Wahrscheinlichkeit, irgendwann im Leben einmal (zeitweise oder dauerhaft) pflegebedürftig zu werden, liegt statistisch gesehen bei 50%, was vor allem der stetig steigenden Lebenserwartung geschuldet ist. Laut Statistischem Bundesamt waren zwar nur “nur” 3,5% der Gesamtbevölkerung pflegebedürftig, bei den Mitbürgern über 89 Jahren aber zwei Drittel.

Der Haken an der privaten Pflegeversicherung: Da mit steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit pflegebedürftig zu werden steigt, wird die privat abgeschlossene Pflegeversicherung umso teurer, je höher das Eintrittalter ist. Ein Beispiel:

Für einen 40 jährigen Angestellten kostet eine Versicherung mit 50€ Pflegetagegeld (also 1500€ pro Monat, was knapp die Lücke ab Pflegegrad 4/Pflegestufe 3 deckt) für vollstationäre oder ambulante Pflege (ohne Reduzierung des Höchstsatzes bei ambulanter Pflege, ohne Unterscheidung ob durch Fachkräfte oder Laien) ca. 35-50€ im Monat. Wer das Risiko schon mit Weitblick Anfang 20 versichert, zahlt nicht einmal die Hälfte, etwa 15-20€. Wenn die Versicherung erst mit Anfang 60 abgeschlossen wird, muß der Versicherte tief in die Tasche greifen, ab 100€ im Monat aufwärts. Ebenfalls zu bedenken: Wie bei einer privaten Krankenversicherung oder Berufsunfähigkeitsversicherung erfolgt meist eine Gesundheitsprüfung, bestehende Vorerkrankungen können zur Ablehnung führen. Hierzu zählen z.B. auch ab einem gewissen Level Übergewicht und hoher Blutdruck. Es gibt Tarife, die auch mit bestimmten Vorerkrankungen abgeschlossen werden können, diese sind aber meist teurer.

Fazit: Die private Pflegeversicherung ist absolut sinnvoll, sie deckt, wenn nicht erst sehr spät abgeschlossen, für einen überschauberen Monatsbeitrag ein nicht unerhebliches Risiko ab, schützt das eigene Vermögen und das der eigenen Kinder, stellt nicht zuletzt eine möglichst optimale Pflege im Pflegefall sicher.

Wichtiger Hinweis: Eine KFZ-Versicherung oder Haftpflichtversicherung kann auch der Laie relativ sicher und problemlos online abschließen, eine Pflegeversicherung kaum. Im Internet finden sich eine Vielzahl von auf den ersten Blick seriös wirkenden Webseiten, die unter der Verwendung der Begriffe/Stichworte “Test“, “Testsieger” oder “Vergleich” den Eindruck erwecken, echte Tests, Vergleiche und Bewertungen von Pflegeversicherungen durchzuführen.

Die Qualität dieser Seiten schwankt, von sehr vertrauenswürdig bis hochgradig unseriös, teils sind die Betreiber, die sich selbst gerne Experten nennen, keine qualifizierten Versicherungsfachleute. Oft werden dort ganz vorrangig Versicherungen und Tarife aufgeführt, für die der Seitenbetreiber eine hohe Provision von der jeweiligen Versicherungsgesellschaft erhält. Das sind nicht notgedrungen die besten und günstigsten Tarife für den Versicherten. Für den Laien fällt die Unterscheidung, welche dieser Internetauftritte, unabhängig von der Platzierung bei Google, seriös oder unseriös sind, sehr schwer. Umso mehr wenn mit diversen Qualitätssiegeln geworben wird, bei denen individuelle Bewertungen und das Zustandekommen von Testergebnissen nicht nachvollziehbar sind.

Eine Provisonszahlung seitens der Versicherung ist auch beim klassischen Versicherungsberater üblich, dennoch ist eine solche Beratung vor Ort oft ausführlicher, detaillierter und fachlich qualifizierter, der Berater stellt wichtige Fragen und zeigt Aspekte auf, die man als Laie bei der Auswahl im Internet schnell übersieht.

Wir raten bei einem sehr komplexen Produkt wie der privaten Pflegeversicherung, bei der sich die Bedingungen und Leistungen erheblich unterscheiden, daher dringend, vorab selbst zu recherchieren und dann einen Versicherungsmakler des Vertrauens, besser noch einen Honorarberater der nach Arbeitszeit selbst bezahlt wird, hinzuzuziehen.